Felix Benneckenstein, bekanntester bayerischer Aussteiger aus der rechten Szene, beim Stadtjugendring

am 27. Februar 2015.

Neonazis sehen ihn als Verräter

unter dieser Überschrift fand eine Veranstaltung mit Jugendlichen im Stadtjugendring Rosenheim statt. Die Honorarkosten wurden vom Förderverein Jugendarbeit Rosenheim e.V. übernommen. 

Hier der Bericht, Quelle: http://www.ovb-online.de/rosenheim/rosenheim-stadt/neonazis-sehen-verraeter-4767060.html

Was hätte ihn davon abgehalten, in die Neonazi-Szene abzugleiten? Diese Frage stand am Ende eines Abends mit Felix Benneckenstein beim Stadtjugendring.

OVB Bericht Neonazis

Der 28-Jährige ist der bekannteste bayerische Aussteiger aus der rechten Szene. "Das Umfeld", war seine Antwort. Hätte ihn sein Umfeld abgelehnt, als er mit 14 Jahren zu den Neonazis stieß, wäre alles schnell vorbei gewesen. Aber der Erdinger, damals als Heranwachsender sonst völlig unauffällig, hatte den Eindruck, nun fänden ihn alle richtig "cool" - auch seine erste Liebe. Rosenheim - Wenn die Berufsschullehrer später sagten, er sei "hirngewaschen", es lohne sich nicht, mit ihm zu diskutieren, werteten das seine Mitschüler als: "Der ist schlauer als unsere Lehrer." Deshalb betonte Benneckenstein immer wieder, die inhaltliche Auseinandersetzung mit jungen Leuten sei ungemein wichtig, wenn sie dabei sind, sich im Leben zu orientieren. Der Stadtjugendring hat das Jahr 2015 zum "Themenjahr gegen Rassismus" erklärt. In diesem Zusammenhang erzählte der Aussteiger vor rund 50 jungen Leuten im Lokschuppen, wie er in die Neonazi-Szene hineingeriet und sich schließlich von ihr löste. Zehn Jahre lang, bis Ende 2010, war er ein aktiver oberbayerischer Neonazi. Inzwischen gründete er die ehrenamtlich betriebene "Aussteigerhilfe Bayern", an die sich Menschen wenden können, die in der gleichen Situation sind. Freizeitangebote für Jugendliche waren aus der Sicht des damals 13-Jährigen in Erding rar, das einzige Jugendzentrum zu klein. Zudem hatte seine Clique neidisch den Eindruck, dieses Jugendzentrum sei in der Hand von Ausländern. "Deutsche gegen Ausländer", so stellte sich die Situation unausgesprochen dar - und das in einer Zeit, als Benneckenstein jede Autorität ablehnte, gegen alles rebellierte, gegen die Eltern, die Schule, das System, den Staat und die Polizei. Er hörte auch Stammtischparolen wie "Das Boot ist voll", wenn es um Flüchtlinge ging, und glaubte damals bei ersten Kontakten zur rechten Szene in seinem Heimatort, die Neonazis seien die einzigen, "die durchsetzen wollen, was jeder denkt, aber nicht laut ausspricht".

Erster Auftritt bei NPD in Bad Aibling
Die erste NPD-Veranstaltung besuchte er um 2001 in Bad Aibling. Dort trat der 2009 gestorbene rechtsextreme Liedermacher Michael Müller auf. Daran erinnert sich Benneckenstein deshalb besonders gut, weil er selbst später mit seiner Gitarre als "Rattenfänger" mit eindeutigen Texten auf der Bühne stand, um junge Leute anzulocken. In der Szene brachte er es zu einer gewissen Berühmtheit. Auch deshalb fiel es ihm später nicht leicht, sich von ihr abzuwenden."Das Ego", gestand er, "hat natürlich eine Rolle gespielt."Innerhalb der Kameradschaft in München aufzusteigen, kostete nicht viel Kraft. Gerade war mit Martin Wiese eine Hauptfigur verhaftet worden, dem vorgeworfen wurde, zusammen mit anderen Anschläge geplant zu haben. Die Kameradschaft drohte zu zerfallen. So war man froh über jeden Aktiven. 2006 gründete Benneckenstein eine eigene Kameradschaft in Erding, wurde dann aber nach Dortmund gerufen, "weil sie Leute wie mich in der Großstadt brauchten". Dort erfolgten die ersten Brüche. Der Redner schilderte, wie ein Teil der Kameraden versuchte, die Nazi-Ideologie der heutigen Zeit anzupassen, selbst Hitler infrage stellten. Dem damals 20-Jährigen leuchtete das durchaus ein, aber Nazi-Fundamentalisten in Dortmund zerschlugen die neue Gruppe. Damals, so sagt er heute, wäre eigentlich schon der richtige Zeitpunkt gewesen, sich ganz von der Szene loszusagen. Aber das schaffte er noch nicht. Es ging ja nicht nur um Ideologie, sondern um seinen gesamten Freundeskreis, den er hätte verlassen müssen. Mit Glatze und Springerstiefeln trat er nur kurze Zeit auf - in der Szene war die Parole ausgegeben worden, das äußere Erscheinungsbild zu ändern, um mögliche Interessenten nicht gleich abzuschrecken. Die endgültige Wende kam erst, als Benneckenstein wegen Beleidigung und Sachbeschädigung im Gefängnis saß und viel Zeit zum Nachdenken hatte. Vor Gericht sagte er damals gegen einen bekannten Neonazi aus, der danach zu vier Jahren Haft verurteilt wurde. So zog er sich den Hass der Szene zu: Dort gilt er als Verräter. Am Anfang bekam er gefährliche Anrufe, heute sind es oft noch Drohungen per E-Mail.

"Aussteigerhilfe Bayern" mitbegründet
Dass er die Nazi-Ideologie verinnerlicht hatte, ist ihm jetzt peinlich. Heute steht er als Mitbegründer der "Aussteigerhilfe Bayern", Bestandteil des "Aktionskreises ehemaliger Rechtsextremisten/Exit Deutschland", Personen bei, die sich aus der Szene lösen möchten. Oftmals würden sich diese erst melden, wenn sie schon ausgestiegen sind, unauffällig irgendwo auf dem Dorf leben und dann feststellen müssen, dass der Arbeitgeber im Internet etwas über die ehemalige Nähe seines Arbeitnehmers zu den Neonazis gefunden hat und der Rausschmiss droht.

"Wichtig: inhaltliche Auseinandersetzung"
Was seine Eltern bei seiner Erziehung anders hätten machen sollen, damit er nicht auf rechte Parolen hereingefallen wäre, kann Benneckenstein nicht sagen: "Die waren sehr liberal. Ihnen mache ich keinen Vorwurf." Wichtig sei einfach die inhaltliche Auseinandersetzung. Keinesfalls dürfe man die Sorgen der Menschen verharmlosen, die sich der rechten Szene zuwenden oder bei "Bagida - Bayern gegen die Islamisierung des Abendlandes" - mitmachen: "Wenn die Mieten in München unbezahlbar sind, dann ist das so, und wenn in der Nähe der Grenze die Kriminalität höher ist als woanders, kann man das auch nicht leugnen."

Was die rechte Szene angeht, hat sich diese nach seiner Einschätzung inzwischen vom Schock der Selbstaufdeckung des NSU erholt und präsentiert sich nun durch den Zulauf der Hooligans rauer. "Aber auf diese Weise", so hofft er, "wird es leichter, den Leuten zu zeigen, was dahintersteckt."

Der 28-Jährige beobachtet heute die rechte Szene genau und dokumentiert sie. Derzeit arbeitet er an einem Film über die Bagida-Demonstrationen. In einem kurzen Ausschnitt nannte er den Besuchern im Lokschuppen die Namen und Gesichter vieler alter Bekannter, die dort mitmarschieren.

 

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